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Sartres Zeitgenossen — Kurzbiographien D–F

Pierre Daix: 1922-2014. Journalist, Schriftsteller. Befreundet mit Picasso. 1939 Mitgl. PCF. Résistance, KZ. 1950 Verteidiger des Gulag (gegen Rousset). Ab 1950 Dir. von Ce soir, dann Chefred. von Les Lettres Françaises, die er für die Kritik am Stalinismus öffnete. Für Mai 68, 1974 für Sol­zhenitsyn, weshalb er mit PCF brach.

Édouard Daladier: 1884-1970. Linker Radikalsozialist. Schüler von Herriot. Ministerpräsident 1933, 34, 38-40. Betrieb zunächst Appeasement-Politik gegenüber Hitler (Münchner Abkommen 1938), erklärte dann Hitler aber den Krieg. 1940-45 verhaftet resp. interniert. 1927-31, 57/58 Präsident der Radikalsozialistischen Partei. Daladiers Sohn Jean war in Sartres Philosophieklasse im Lycée Pasteur.

Louis Dalmas (de Polignac): 1920-2014. Journalist (u.a. 1946-54 France-Dimanche). Leiter einer Fotoagentur (Agence Dalmas 1956-68). Bis 1947 Trotzkist. Sartre schrieb 1950 ein Vorwort zu Dalmas‘ Le Communisme yougoslave depuis la rupture avec Moscou, nachdem Dalmas Tito interviewen konnte. Engagierte sich in den 90er Jahren für Serbien (Direktor und Gründer der Balkan-Infos seit 1996).

Dr. Jean Dalsace: 1893-1970. Arzt, Psychoanalytiker und Sexologe, Kommunist. In seinem Maison de verre (Glashaus) trafen sich in den 30er Jahren kommunistische Intellektuelle und surrealistische Künstler. Vorkämpfer für Geburtenkontrolle und Schwangerschaftsabbruch: Präs. des 1958 gegr. Mouvement français pour le planning familial. Unterschrieb das Manifest der 121, setzte sich für Djamila Boupacha ein. Er übersetzte 1937 Stekels La Femme frigide, das Sartre und Beauvoir so beeindruckte. Bei ihm traf Sartre 1952 Farge, der ihn zum Weltfriedenskongress nach Wien einlud. Er war in der Affäre Henri Martin Sartres Kontakt zum PCF.

Jean Daniel: 1920-2020. Eigentlich Jean Daniel Bensaïd. Französischalgerier. Jüdischer Herkunft. Studierte Philosophie (Sorbonne). Freund von Camus. 1941-45 im 2. WK Kampf in gaullistischen Einheiten. Gründete Caliban 1947 (Direktor bis 1952), wo er u.a. die Sartre-Camus-Debatte begleitete. 1955-63 beim Express (v.a. über Algerienkrieg; Verwundung 1961 in Bizerta/Tunesien). Verliess Express zusammen u.a. mit Gorz, um den Nouvel Observateur zusammen mit C. Perdriel zu gründen (unter der Patronage von Sartre und Mendès France). 1964-78 Leiter der Redaktion, ab 1978 Direktor. Seinen Anteil am Nouvel Obs übernahm Perdriel 1984. Präsident des Komitees der Weisen beim Präsidenten der EU-Kommission für den Dialog zwischen den Völkern und Kulturen (2002-03). Autobiographie Le Temps qui reste mit Interview Sartres. Nachdem Daniel nach Intervention von Beauvoir im Feb. 78 noch die Publikation von Sartres und B. Lévys Beiträge über Israel untersagte, intervenierte Sartre im März 80 persönlich bei Daniel, um die Publikation von L’Espoir maintenant sicherzustellen. Im Okt. 95, während es Papon-Prozesses, brachte Daniel im Nouvel Observateur die Geschichte von Sartre und Dreyus-Le Foyer auf.

Julij Markovitch Daniäl: 1925-88. Sowjetischer Schriftsteller, Übersetzer jüdischer Herkunft. 1965 nach Publikation im Westen verhaftet, 1966 zu 5 Jahren Umerziehungslager verurteilt (zus. mit Sinjavskij). 1970 freigelassen. Sartre protestierte gegen Verurteilung. .

François Darbon: 1915-98. Theater-/Filmschauspieler, Theaterregisseur. Führte Regie bei Uraufführung von Les Séquestrés d’Altona 1959 (grosse Schwierigkeiten wg. Überlängen, Sartre musste z.T. selbst übernehmen).

Garry Davis: 1921-2013. US-Friedensaktivist. Ehem. US-Bomberpilot und Schauspieler; verzichtete 1948 auf US-Staatsbürgerschaft aus Protest gegen die zunehmenden Kriegsdrohungen und erklärt sich zum Weltbürger. Machte mit spektakulären Aktionen auf seine Anliegen (gegen den Nationalstaat, für eine friedliche, demokratische Weltregierung) aufmerksam. Camus, Breton, Mounier, Wright, Vercors, Paulhan, Einstein, Carlo Levi, Albert Schweitzer unterstützten ihn, auch der Combat mit Bourdet. Sartre sprach sich im Okt. 48 noch für Davis aus, nahm jedoch zur grossen Verärgerung von Camus nicht an der grossen Pressekonferenz am 3.12.48 teil. Davis gründete 1949 das Registry of World Citizens und 1954 die World Service Authority, die den Weltpass herausgab. Lebte 48-50, 61-77 in Frankreich, sonst USA. Sartre veröffentlichte einen Text in dessen Monatszs. Peuple du Monde 1949.

Georges Davy: 1883-1976. Rechtssoziologe, Schüler von Durkheim. 1944-55 Prof. Sorbonne. Sartre beschrieb dessen soziolog. Staatsverständnis (der Staat als soziales Faktum) in La Théorie de l’État dans la pensée moderne française (1927). Als Generalinspekteur für Philosophie traf er Sartre im Frühjahr 1941 und verschaffte ihm den Posten am Lycée Condorcet.

Marcel Déat: 1894-1955: Politiker und Journalist. Zuerst Sozialist. Gründete 1933 den Parti Socialiste de France (ab 1935 Union socialiste républicaine). und 1941 zusammen mit Laval das pro-faschistische Rassemblement National Populaire als faschistische Linksfront (eher autoritär als faschistisch, gemässigter als Doriot). 1936-39 Philosophielehrer an den Lycées Louis-le-Grand und Fénelon. Kompromissler. Mitbegründer der Légion des volontaires français. Schrieb im Mai 39 Mourir pour Dantzig. 1944 Arbeitsminister. 1945 zum Tode verurteilt. Lebt 1945-55 in Italien (u.a. im Kloster).

Simone Debout (-Oleszkiewicz) Devouassoux: 1919-2020. Spezialistin am CNRS für Fourier (Hg. von dessen Werk), de Sade. Als Studentin Résistance-Mitglied von Sous la botte und Socialisme et liberté.

Régis Debray: 1940-. Linksaktivist, Politiker, Medienwissenschafter. ENS (Philosophie). 1964 kurzfristig an Mitarbeit an TM interessiert. In Révolution dans la révolution? 1967 das kubanische Guerillamodell als Idealtyp einer kommunistischen Revolution. Kämpfte mit Che Guevara in Bolivien, festgenommen: dank internationaler Kampagne, u.a. Sartre, Papst Paul II., de Gaulle, nicht erschossen, sondern zu Gefängnis verurteilt, 1971 freigelassen. Anschliessend unter Allende in Chile. Setzte sich in den 70er Jahren für viele linke Anliegen in Frankreich und Europa ein. 1981-88 persönlicher Berater von Mitterrand: Verfechter von dessen korrupter Aussenpolitik. Seither v.a. im Bereich der Mediologie tätig: Le Pouvoir intellectuel en France (1979): es gibt drei Zyklen: den Universitäts-Intellektuellen (1880-1930: Bergson), den Printmedien-Intellektuellen (1920-80: Sartre; Buch und Zeitungen) und den Medien-Intellektuellen (1968-: B.-H. Lévy, Glucksmann; nur noch Produzenten von Sound-bits). Kritiker des französischen Intellektuellen, dessen Ende er gekommen sieht. Vor allem Sartre sei hierfür verantwortlich, da er mit seinen vielen Fehlern den Intellektuellen diskreditiert habe.

Jacques Decour (eigentl. Decourdemanche): 1910-1942. Germanist, Deutschlehrer, Übersetzer, Schriftsteller und Widerstandskämpfer. Mitglied des PCF. Ging schon 1940 in die Résistance. Gründete mit Politzer im Feb. 41 die Zs. La Pensée libre. 1941 Mitbegründer und 1. Vors. des CNE. Im Feb. 42 von der Vichy-Polizei verhaftet, im Mai 42 von den Deutschen erschossen. Entschied 1942 gegen Paulhans Vorschlag zur Aufnahme Sartres in den CNE.

Vladimir Dedijer: 1914-90. Historiker (u.a. über Massaker der kroatischen Ustasha an Serben während des 2. Weltkriegs), Jurist. Teilnehmer am Widerstand Titos im Zweiten Weltkrieg. Protestierte 1955 gegen die Verhaftung Djilas, worauf er in Ungnade fiel: lebte bis 1966 in den USA. Tagungspräsident des Russell Tribunals. Obwohl Dedijer schon früher in Paris gewesen war, gewährte ihm de Gaulle trotz Sartres Intervention kein Visum für das Russell Tribunal, weshalb dieses nach Skandinavien verlegt werden musste. Mit Sartre und Beauvoir befreundet, zeitweise Verhältnis mit Arlette.

Henri Delacroix: 1873-1937. Philosoph (Ästhetik, Logik, Religion), Psychologe. Schüler von Bergson und William James. Seit 1909 Prof. an der Sorbonne. Sartre schrieb bei ihm 1927 die Diplomarbeit. Empfahl Sartre nach Berlin. Delacroix, der eine Serie bei Alcan veröffentlichte, forderte Sartre 1934 auf, L’Imagination zu schreiben.

René Delange: Leiter der Zeitschrift Comœdia, die mit den Deutschen kollaborierte - zumindest mehr als es Sartre gefiel -, so dass Sartre für sie nur eine Buchbesprechung verfasste. Delange war ein Intimus von Gerahrd Heller. Trotzdem war Delange ein guter Freund von Sartre und Beauvoir, die er beide während der deutschen Besetzung förderte. Er verschaffte Beauvoir den Job beim Radio, als sie aus dem Lehrdienst entlassen worden war. Gründete nach dem 2. WK die Zs. Le XXème siècle.

Jean Delannoy: 1908-2008. Regisseur und Direktor von Pathé-Cinemas, der Sartre verschiedene Drehbuchaufträge gab. Drehte 1947 Sartres Les Jeux sont faits, 1964 Peyrefittes Les Amitiés particulières. War selbst zuvor Schauspieler in Stummfilmen. Erster Film 1934; 1943 L’Éternel retour (in Zus.arbeit mit Cocteau; Jean Marais wird zum Star). 1946 erhielt sein Film La Symphonie pastorale die Goldene Palme von Cannes. Welterfolg mit Notre-Dame de Paris (Der Glöckner von Notre-Dame; 1956). Engagierte sich auch in der Vereinigung der Filmemacher (u.a. 1982 Präsident der Académie nationale du cinéma).

Maurice Delarue: wie Olga Schauspielschüler im Théâtre de l‘Atelier von Dullin. Sowohl im Sexualleben wie im Militär versuchte er sich durch Flucht einem Engagement zu entziehen. Wollte lieber Deserteur als Kriegsdienstverweigerer sein: eine Vorlage für die gleichnamige Figur in Les Chemins de la liberté von Sartre. Blieb bis in die 70er Jahre im Kontakt mit Sartre. Guter Freund von Olga.

Gilles Deleuze: 1925-95 (Selbstmord). Philosoph. Studierte bei Alquié, Canguilhem, de Gandillac, Hippolyte. Sartres Schüler am Lycée Condorcet. Philosoph. Befreundet mit Foucault (gemeinsame Herausgabe des Gesamtwerks von Nietzsche). Beteiligte sich mit Sartre zusammen an Demonstrationen (bspw. 1972 für bessere Haftbedingungen, gegen Rassismus). Gegen Rationalismus und Essentialismus. Ab 1969 an Paris-VIII: Zusammenarbeit mit dem Psychiater Guattari: L’Anti-Œdipe (1972): Kritik an Psychoanalyse Freuds und Lacans.

Jacques Derrida: 1930 (in Algerien)-2004. Philosoph: Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion (3 Hauptwerke in 1967), beeinflusst von Husserl, Heidegger, auch Blanchot, Lévinas, Bataille. Seit 1949 in Frankreich, 1952-54 an ENS (Althusser, Foucault; befreundet mit Bourdieu), 1960-64 an Sorbonne, 1965-84 an ENS, 1984-99 EHESS. Verbunden mit Tel Quel und Sollers.

Dominique Desanti: 1914-2011. Journalistin, Schriftstellerin. Geboren in Moskau als Tochter eines franz. Diplomaten russ. Abstammung und einer jüd. Mutter. Seit 1938 verh. mit Jean-Toussaint . Stiess mit Ehemann 1940 via Merleau-Ponty, den sie wie auch Cavaillès an der ENS kennen lernte, zu Socialisme et Liberté und machten Sartres Bekanntschaft. Seit 1943 Mitglied des PCF. Trotz Nähe zu Sartre verurteilten Dominique und Jean-Toussaint Sartre ab 1947 im Rahmen der Verhärtung der kommunistischen Politik gegenüber Sartre und allen andere Nicht-Kommunisten. Ab 1952 (Friedenskongress in Wien) wieder Kontaktaufnahme mit Sartre. Brachen in Folge der Ungarnereignisse 1956 mit dem PCF. Engagierte sich später als Feministin (u.a. Unterzeichnung des Manifests der 343)

Jean-Toussaint Desanti: 1914-2002. Touky genannt, kors. Herkunft, Philosoph der Phänomenologie und Mathematik an der ENS (Schüler: Althusser, Foucault) und Sorbonne; befreundet mit Clavel. 1940 Mitglied von Socialisme et liberté. 1943 Mitgl. PCF. Arbeitete zuerst bei Action, dann unter Kanapa bei der Nouvelle Critique mit; nahm wie Dominique extreme stalinistische Haltungen ein (Nizan, Tito): verteidigte bspw. Lyssenko und dessen abstruse Lehre. Ab 1952 wieder Kontaktaufnahme mit Sartre. 1956 Bruch mit PCF.

Isaac Deutscher: 1907-1967, poln.-jüd. Schriftsteller und Journalist. Ab 1939 in England. Kommunist, ab 1932 Trotzkist; veröffentlichte Bücher über Osteuropa und Biographien von Stalin und Trotskij. Wie Sartre Teilnehmer des Russell-Tribunals 1967.

Georgi Dimitrov Mikhajlov: 1882-1949. Bulgar. Kommunist. 1923 nach misslungenem Putsch Flucht aus Bulgarien nach Österreich und Deutschland: 1933 nach Reichstagsbrand verhaftet, aber freigesprochen. 1934 nach Moskau abgeschoben, 1935-43 Gen.Sekr. der Komintern: für Volksfront. 1946-49 bulgar. Ministerpräsident. Der Prozess gegen Dimitrov und den dt. KP-Vorsitzenden Thälmann erregte grosses Aufsehen in Frankreich: Gide und Malraux reisten nach Berlin für deren Freilassung.

Alioune Diop: 1910-1980. Französisch-senegalesischer Schriftsteller. Antikolonialistischer Kämpfer. Studierte Philosophie in Algers, wo er Camus traf. Gründete 1947 die Zeitschrift Présence Africaine, für dessen erste Nummer neben Sartre auch Gide, Mounier, Naville, Wright und Senghor Artikel verfassten. Vertreter der Négritude. Organisator von Kongressen schwarzer Intellektueller und über schwarze Kunst und Kultur. Vertrug sich nicht mit Wright.

Djellali Ben Ali: 15-j. Algerier, der am 27.10.71 in der Goutte d’Or von einem rassist. Concièrge erschossen wurde: erste anti-rassist. Demos: Sartre nahm an Demos im Nov. 71 teil (mit Foucault, Cl. Mauriac, Genet etc.).

Jean Domarchi: 1916-81. Filmkritiker, -regisseur, Philosoph. Von Ausbildung Nationalökonom (Keynesianer). Führte 1950 Gespräche mit Sartre über Marx und Geschichte (unveröffentlicht). Veröffentlichte in TM und Esprit.

Jean-Maire Domenach: 1922-97. Schriftsteller, Sekr. 1949-57 und Direktor von Esprit 1957-76 (Mitarbeit seit 1946). Brach 1949 mit dem PCF wegen Tito. Linkskatholik: Antikolonialist (Indochina, Algerien), Mitglied des PSU in den 60er Jahren, Kritik des Stalinismus in den 70er und der Linken in den 80er Jahre. Gründete 1971 mit Foucault und Vidal-Naquet den G.I.P.. 1975 mit Sartre und Aron für Boat-people. Einer der wenigen, der sich für Le Deuxième sexe aussprach (wie auch Mounier). Arbeitete mit an L’Affaire Henri Martin (1953).

Jacques Doriot: 1898-1945 (bei alliiertem Fliegerangriff in Dtld.). Politiker. Pseudonym: Guyot. 1920 Mitgl. PCF: 1921/22 in Moskau: Freundschaft mit Trotskij, 1923 Gen.sekr. der Jeunesses communistes; schon 1926/7 Streit mit Thorez, der ihn des Trotzkismus beschuldigte; 1931 Bürgermeister von Saint-Denis; 1934 Ausschluss, weil er für Front mit SFIO war, die wenige Monate später beschlossen wurde), dann rechtsextremer Politiker: gründete den 1936 Parti Populaire Français (Gegner der Volksfront), 1941 die Légion des Volontaires Français : 1941/2, 43-4 Anführer der auf deutscher Seite kämpfenden Franzosen (ungeliebt bei Abetz, der Laval und Déat förderte, beliebt bei der SS). Gründete mit Déat in Dtld. ein Comité français de libération.

Evegenij Jak. Dorosh: 1908-72. Schriftsteller, Publizist (ländliches Leben, Volkskultur). Moderner Literatur gegenüber aufgeschlossen. Freund Sartres während Moskauer Besuchen in den 60er Jahren.

Bernard Dort: 1929-94. Journalist, Beamter, Theatermann. Absolvent ENA. Zuerst Beamter im Gesundheitsministerium. Mitarbeiter der TM (ab 1951/52), Express, France-Observateur. Mit Barthes Herausgeber von Théâtre Populaire. Arbeitete ab den 70er Jahren fürs Theater.

John Dos Passos: 1896-1970. Amerikanischer Schriftsteller. Zuerst Sozialist (u.a. Teilnahme an Demonstrationen für Sacco und Vanzetti), dann Weggenosse der Kommunisten; brach mit dem Kommunismus nach seiner Erfahrung im Spanischen Bürgerkrieg (der Kampf der Kommunisten gegen POUM und Anarchisten) und ist am Schluss Republikaner und Befürworter des Engagements in Vietnam. Sein Buch The 42nd Parallel (1930 erschienen, 1932 von Sartre gelesen) mit seiner Verbindung der Individualität der Personen und ihrer sozialen Bedingtheit beeinflusste Sartre stark. 1938 besprach Sartre Dos Passos‘ Roman 1919. Sartre lernte ihn in Paris kennen. Le Sursis ist stilmässig mit seiner filmartigen Schilderung sehr stark von Dos Passos’ Manhattan Transfer (1925) beeinflusst.

Fëdor Mikhajlovitch Dostoevskij: 1821-1881, russischer Schriftsteller. Schöpfer des psychologischen Romans (v.a. Die Brüder Karamasov: hier v.a. in der Erzählung des Grossinquisitors ; Verbrechen und Strafe). Sartre las ihn schon sehr früh (um 1920). Dostoevskij war für Sartre einer der bedeutendsten Schriftsteller, v.a. auch in Aussagen aus Die Brüder Karamasov wie: „Jeder ist verantwortlich für alle anderen.“, „Wenn Gott nicht existiert, so ist alles erlaubt“.

Serge Doubrovsky: 1928-2017. Von Sartre geschätzter Literaturkritiker und Schriftsteller. Jüdischer Herkunft, ENS-Absolvent. Prof. an Harvard, Brandeis. 1989 Prix Médicis. Sartre war ein Vorbild für ihn.

Alfred Dreyfus: 1859-1935. Offizier. Elsässer, Jüdischer Herkunft. 1894 aufgrund gefälschter Beweise wegen Landesverrats verurteilt. 1898 Zola (J’accuse ...!), Georges Clemenceau u.a. brachten die Affäre, die Ausdruck des landesweiten Antisemitismus war, ins Rollen. 1899 begnadigt, 1906 rehabilitiert. Seine Affäre führte 1898 zur Gründung der Ligue française pour la défense des droits de l'Homme et du citoyen.

Henri Dreyfus-Le Foyer: 1896-1969. Philosophieprof. ENS. 1935-Oct. 40 am Lycée Condorcet (Khâgne). Da Jude, wurde er durch Alquié (ab Sommer 41 Sartre) ersetzt und ans Lycée Ampère (Lyon) versetzt. Schon im Nov. 40 zwangsemeritiert. Schlug sich im Maquis durch. Jean Daniel brachte 1997 den Fall Dreyfus-Le Foyer als Kritik an Sartre auf.

Pierre Drieu La Rochelle: 1893-1945. Schriftsteller. Schwul. Im 1. WK mehrfach verwundet. Bis 1925 intim mit Aragon verbunden und mit ihm bei den Dadaisten. Kritiker der Demokratie und des Materialismus. Ging um 1934 langsam vom Kommunismus zum Faschismus über. 1936-39 Mitglied des PPF von Doriot. Traf Abetz erstmals 1934 in Berlin, mit dem er sich befreundete. Freund von Malraux in den 30er Jahren. 1940 Nachfolger Paulhans als Hg. der NRF (1943 eingestellt): warf Paulhan den verjudeten und kriegshetzerischen Charakter der NRF vor. Holte trotzdem Paulhan im Mai 41 aus den Fängen der Gestapo (engagierte sich auch zugunsten von Malraux, G. Gallimard, Aragon). Versuchte 1944 vergeblich, sich in Malraux‘ Brigade Alsace-Lorraine zu engagieren. 1943 schrieb Sartre eine hervorragende Analyse über Drieu unter dem Titel Drieu la Rochelle ou la haine de soi. Selbstmord wegen Kollaborationsbeschuldigung Mrz. 45.

Jean Duché: 1916-2000. Journalist (v.a. in Elle), Schriftsteller. 3 Interviews mit Sartre 1946-53 in Le Littéraire und Le Figaro littéraire.

Jacques Duclos: 1896-1975. 1925 Mitglied PCF. 1927 zu Gefängnis verurteilt, weil er gegen den Krieg in Marokko auftrat. Ab 1931 nach Thorez Nr. 2 im PCF (u.a. für Propaganda, Spionage). Emissär der Komintern (u.a. Spanien 1930/35, 36-39). 1939-42 als Parteisprecher für kollaborationistischen Kurs gegenüber den Besetzern. Nizan schickte 1939 sein Austrittsschreiben an Duclos. 1942 Mitbegründer des kommunistischen Front National de la Résistance und der Franc-Tireurs. 1926-32, 36-39, 44-58 Abgeordneter; 36-39, 46-52 stv. Vorsitzender der Nationalversammlung, ab 1959 Senator. Langjähriger Fraktionsführer. 1944 Führer der Parteigruppe, die de Gaulle dulden und auf eine Revolution verzichten wollte. Ab 1950 de facto Parteiführer. 28.5.52 bei Demonstration gegen Ridgeway verhaftet. Gegen Algerienkrieg. Auch wenn gemässigter als Thorez, trotzdem strammer Stalinist und Moskau-treuer Soldat (gegen Tito 1949, vollzog Säuberungen 1952 von Marty/Tillon und 1954 von Lecœur; verschwieg mit Thorez Khrushtchevs Kritik an Stalin 1956, für Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956, enthielt sich der Kritik bei Einmarsch in CSSR 1968). 1969 komm. Präsidentschaftskandidat.

Léon Duguit : 1859-1928. Jurist, Rechtssoziologe. Schüler von Durkheim, Lévy-Bruhl. Prof. in Bordeaux, Gegner von Hauriou. In La Théorie de l’État dans la pensée moderne française (1927) sah sich Sartre in der Nähe von Duguits Staatsverständnis: der Staat nicht als etwas metaphysisch Höherstehendes, sondern als eine soziale Funktion; Recht ist, was der Staat für Recht erklärt; neben dem Staat gibt viele andere soziale Gruppen (der marxist. Auffassung nahestehend, doch ohne Klassenkampf).

Georges Duhamel: 1884-1966. Schriftsteller. Arzt. Für modernen Humanismus auf der Basis von Mitgefühl und Toleranz. 1935 Mitglied der Académie française. 1938 gegen die Wahl Maurras in die Académie Française. Seine Bücher wurden unter den Nazis verboten. Unterstützte ab 1948/50 die Antikommunisten (u.a. den Congrès pour la liberté de la culture 1950 in Berlin).

Marcel Duhamel: 1900-77. Schauspieler, Autor. Arbeitete während des 2. WK an L’Arbalète mit. Gründete 1945 die Krimiserie Série noire bei Gallimard.

Charles Dullin: 1885-1949. Seit 1907 Schauspieler. Bedeutendster Vertreter des modernen Theaters der Zwischenkriegszeit. Gründete 1921 das Théâtre de l’Atelier. 1927 zusammen mit Pitoëff, Baty und Jouvet nach der Schliessung des Théâtre Colombier Mitglied des Cartel de quatre: ihr Ziel: den Traditionalismus zu überwinden. 1941-47 Lt. Théâtre de la Cité (vorher: Sarah-Bernhardt; Dullin hatte nichts gegen die von den Nazis verlangte Umbenennung; zwar kein Kollaborateur, pflegte er ein gutes Verhältnis zu den Deutschen; galt deshalb als deutschfreundlich). Verheiratet mit Marcelle Jeanniot; Simone Jollivet wurde seine Lebenspartnerin. In seine Schauspielschule gingen Jean Marais, Marcel Marceau, Olga, Wanda, Mouloudji u.v.a.m. Hatte Sartre und Salacrou erfolgreich Gallimard empfohlen. 1943 Uraufführung von Les Mouches. 1944 verteidigte Sartre Dullin. Nach 1947 spielte er auf Tourneen in verschiedenen Theatern.

Georges Dumas: 1866-1946, Psychologe. Schüler von Ribot. Leiter an der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne, wo seine Vorlesungen von Sartre, Lévi-Strauss, Lacan, Lagache, Nizan, Aron und Canguilhem besucht wurden. Prof. an der Sorbonne. Beschäftigte sich v.a. mit Emotionen.

Roland Dumas: 1922-. Sozst. Rechtsanwalt und Politiker. Résistant. Via UDSR (Mitterrand/Pleven) und FGDS (Mitterrand) zu PS: 1983/84 Europaminister, 1984-86, 88-93 Aussenminister, 1995-2000 Präs. Verfassungsrat. Vertrat als Anwalt u.a. Sartre und Beauvoir, Picasso, Prozess gegen Réseau Jeanson 1960. Involviert in Korruptionsskandale (Elf, Nachlass von Giacomettis Frau).

Marguerite Duras: 1914-96. Eigentlich Marguerite Donnadieu. Schriftstellerin (1. Roman 1943, 1984 Prix Goncourt für L’Amant), Filmdirektorin. Pseudonym: „Meg“ in den Brief Beauvoirs an Algren. Verbunden mit Nouveau Roman (literarische Strömung in den 50ern: Robbe-Grillet, Blanchot, Butor, Sarraute, Simon; gegen konventionelle stringent-chronologische Erzählführung). Lebte bis 1932 in Indochina. Verheiratet mit Antelme (1939-47; aber bis ans Lebensende mit ihm befreundet), Lebensgefährtin von Mascolo (1945-56). Während des 2. WK zugleich in Kollaboration (in Kontrollkommission für Papierzuteilung) und in der Résistance mit Mitterrand, den sie ab den 60er Jahren unterstützte. 1944-50 Mitglied des PCF (Ausschluss wg. Titoismus). Gegen Algerienkrieg, de Gaulle, Rassismus, für Mai 68, Mitterrand, Feminismus. Alkoholiker. Gespannte Beziehungen zu Sartre, gegen Beauvoir. 1951/52 Affäre mit Bost. Wollte Mitte der 50er Jahre in TM publizieren: Sartre lehnte ab (Duras vermutete Beauvoir dahinter). 1958 überschwänglicher Artikel in France-Observateur über Sartres Tintoret.

Il’ja Grigor’evitch Ehrenburg: 1891-1967. Sowjetischer Schriftsteller, Journalist, jüdischer Herkunft. Empfänger hoher sowjetischer Preise 1942/48/52. Seit Kindheit befreundet mit Bucharin. Wegen polit. Aktivitäten ab 1908 im Exil in Frankreich (-1917), dann Rückkehr als Antikommunist. 1921-24 wieder im Exil (in Frankreich, Belgien, Deutschland). 1924/25 in Sowjetunion, 1925-41 mit Unterbrüchen und meist ungewollt im Ausland, v.a. in Paris, ab 1932 als Korrespondent der Izvestija und anderer Zeitungen: berichtete u.a. aus Span. Bürgerkrieg 1936/39. Besass aus dieser Zeit eine hervorragende Sammlung moderner Gemälde, u.a. von Picasso, Chagall, Matisse. Polit. links, doch immer kritisch gegenüber den Auswüchsen der Kommunisten. Befreundet mit vielen kritischen russ. Schriftstellern und Künstlern. Seit 1931 dezidiert pro-sowjetische Stellungnahme (gegen Victor Serge, gegen Gides Retour de l’U.R.S.S., aber 1934 gegen den Sozialistischen Realismus, den Gorkij befürwortete: mit Malraux am 1. Schriftstellerkongress). 1935 prominent am Congrès pour la défense de la culture in Paris. Da mit Bukharin befreundet, entging er 1938 nur knapp den Säuberungen. Der Hitler-Stalin-Pakt erschütterte ihn. 1941 Rückkehr von Paris nach Moskau. Während des 2. WK prominenter fanatischer Journalist und Propagandist im Dienst der angegriffenen Sowjetunion. War Mitglied es Jüdischen Antifaschistischen Komitees, das 1948 verboten wurde. Ehrenburg war in dieser Zeit immer von Verfolgung gefährdet. Seine Nachgiebigkeit gegenüber den politischen Strömungen trug ihm von Orwell den Vorwurf ein, eine literarische Hure zu sein. Aber andere (Nadeshda Mandelstam) legten positives Zeugnis für ihn ab. Ehrenburg war 2x Stalinpreisträger (1942, 48). 1946 kritisierte er Les Morts sans sépulture, weil die Widerstandskämpfer nicht als reine Helden, sondern auch mit ihren Schwächen dargestellt wurden, und betreffend Les mains sales meinte er, dass Sartre seine Seele um ein Linsengericht verkauft hätte. Ehrenburg vertrat lange immer die offizielle Parteilinie, versuchte jedoch immer, die Kontakte mit dem Westen zu stärken. Er setzte sich auch für die nicht-offizielle Malerei ein. Für die moderne Literatur, von Sartre angefangen bis zu Kafka, Proust oder Joyce hatte er nicht viel übrig. Schrieb 1954-56 den Roman Оттепель (Das Tauwetter), das der damaligen Periode ihren Namen gab. 1950-67 Vizepräsident des Weltfriedensrates. Verteidigte 1958 Pasternak, trat auch für andere verbotene Schriftsteller ein. Ehrenburg war das prominenteste Ziel der Kulturkritik von Khrushtchëv im Frühjahr 1963, als dieser Abstraktionismus und Formalismus kritisierte. Protestierte gegen die Verurteilung von Sinjawski und Daniel 1966. Stellte 1949 die mit Studienverbot belegte Lena Zonina als Mitarbeiterin ein. Traf Sartre erstmals auf einer antifaschistischen Konferenz in Mai 39 in Paris. 1954 wurde Sartre als Gast von Ehrenburg nach Moskau eingeladen. 1955 traf Sartre Ehrenburg in Helsinki und Moskau und trotz der vorhergehenden harschen Kritiken Ehrenburgs bildete sich eine neue Freundschaft heraus. 1957 traf Sartre ihn in Paris. Als Sartre in den Jahren 1962-66 mind. einmal pro Jahr nach Moskau fuhr, war Ehrenburg eine seiner wichtigsten Kontaktpersonen, da Ehrenburg ihn und Beauvoir detailliert über das kulturelle Leben in der Sowjetunion informieren konnte. Ehrenburg war in diesen Jahren auch oft bei Sartre in Paris.

Arlette Elkaïm(-Sartre): 1938-2016. Algerisch-jüdischer Herkunft (aus Constantine). Liest mit 14 La Nausée. Sep. 54 Emigration nach Frankreich. Sartre lernte sie 1956 kennen: für 2-3 Monate intime, dann nur väterliche Beziehung. Sie Sartre involvierte sie schon früh in seine Arbeit: bis zu seinem Tod leistete sich Sekretariatsarbeiten für Sartre (u.a. für Film Freud, während Verhandlungen und dann zum Dokumentenband des Russell-Tribunals; Arlette hatte Affäre mit Dedijer). Psychisch wenig stabil (1957 durch Aufnahmeprüfung für ENS gefallen; studierte dann Philo an Sorbonne). 1965 adoptiert durch Sartre, zum Schock aller seiner weiblichen Partner inkl. Beauvoir: Sartre hatte sie nicht richtig bei den andern eingeführt. Verschwieg die Adoption vor Michelle Vian, die mit Selbstmord gedroht hatte. Befreundet mit Puig, der ihr jedoch nicht treu war. Spätestens seit Adoption schlechte Beziehungen zu Beauvoir. Deren Adoptivtochter Sylvie vertrug sich überhaupt nicht mit Arlette. Arlette war jahrelang eine Stütze für Sartre: erledigte viele kleine Arbeiten für ihn, um die sich Beauvoir nicht mehr kümmerte, insbesondere, als Sartre krank und behindert war. Meist scheu und freundlich, aber auch gefürchtet für ihre Wutanfälle (selbst bei Sartre); verschlossene Einzelgängerin. Zusammen mit Victor, Eli Ben-Gal, Michel Contat u.a. eine Fraktion, Beauvoir mit der Redaktion der TM, aber auch John Gerassi die andere. Lernte Hebräisch mit Victor, ohne aber an dessen relig. Konversion teilzuhaben (veröffentlichte aber 1990 eine kommentierte Übersetzung der Aggadoth (mündlichen Überlieferungen) des babylonischen Talmuds). Wohnte an der rue Delambre, wohin Sartre fast täglich ging und mit ihr musizierte: Sartre und Arlette liebten es zusammen zu musizieren (er Klavier, sie Gesang und Flöte; vor allem romantische Musik).  Streit um das Erbe Sartres als trauriger Tiefpunkt der Beziehungen zu Beauvoir. Arlette gab die posthum erschienen Werke Sartres heraus, u.a. Lettres au Castor et à quelques autres (1983), Cahiers pour une morale (1983), Carnets de la drôle de guerre (1983/95), Critique de la raison dialectique T. II (1985), Mallarmé (1986), Vérité et existence (1989), La Reine Albemarle (1991), Résistance (2000), Typhus (2007). Arlette griff Beauvoir nach der Veröffentlichung von La Cérémonie des adieux in einem offenen Brief an Libération wegen ihrer Rolle im Streit um die Publikationen von Victor an und auch deswegen, dass Beauvoir sich in den letzten Jahren nicht mehr genug um Sartre gekümmert habe. Die Sartre-Biographie von Cohen-Solal wurde von Arlette autorisiert. Wachte sehr genau über Sartres Erbe (untersagte die Veröffentlichung von Auszügen aus Sartres Briefen an Zonina in Hazel Rowleys Buch Tête-à-tête über Beauvoir-Sartre).

Paul Éluard: 1895-1952. eigentlich Eugène Grindel. Dichter. Vorsitzender des CNE (ab 1942). Seit dem 1. Weltkrieg grosser Sammler afrikanischer und zeitgenössischer Kunst (befreundet mit Ernst, Picasso, Dalí; erster Ehemann der Russin Elena Dmitrievna D’jakonova, gen. Gala, die später Dalí heiratete). Mit Breton und Aragon, die er 1919 durch Paulhan traf, in der Bewegung des Dadaismus und Surrealismus (gegr. 1924). 1927 Beitritt zum PCF, 1933 ausgeschlossen (gegen Aragons Linie). Trennte sich 1938 von Breton. Ab 1942 in der Résistance aktiv und wieder im PCF. Ist der Dichter der Résistance. 1944/45 für drastische Säuberungen. 1948 mit Picasso am Friedenskongress in Breslau.

Didier Eribon: 1953-. Journalist (1979-83 Libération, 1984-95 Nouvel Obs), Philosoph (Foucault-Biographie, Interviews mit Lévi-Strauss), Aktivist der Homosexuellen-Bewegung (Réflexions sur la question gay 1999, Une morale du minoritaire 2001, Hérésies 2003).

François Erval: 1914-99. Eigentl. François Emmanuel. Ungar aus Rumänien. Journalist, Lit.kritiker Arbeitete in der 1. H. der 50er Jahre für TM. Stand auf Seite Merleaus. Dann beim Express. 1962 Lt. der Reihe Idées bei Gallimard.

Claude Estier: 1925-2016. Journalist und Politiker. In der Résistance. Redakteur beim Observateur (1950-55), Monde (1955-58; schied aus, weil Antigaullist), Co-Chefredakteur der Libération (1958-64), dann beim Nouvel Observateur. Directeur von L’Unité 1972-86. 1967-68 und 81-86 Abgeordneter des FGDS/PS, 1986-2004 Senator für den PS. 1971-94 in hohen Ämtern des PS. Engagierte sich u.a. mit Schwartz gegen den Algerienkrieg.

Claire Etcherelli: 1934-. Schriftstellerin. Früh verheiratet und geschieden, Arbeiterin und Hausangestellte, bevor ihr Beauvoir mit Geld half, ihr wichtigstes Werk, Élise ou la vraie vie zu schreiben und (durch Nadeau) zu publizieren: handelt von der Liebe zwischen einer Französin und einem Algerier. Engagierte sich gegen den Algerienkrieg. Gehörte zum weiteren Kreis um Sartre und Beauvoir. 1965-69 Mitglied des PCF. 1967 Prix Femina. 1974-87 in der TM-Redaktion (zuerst als TM-Sekretärin: Nachfolgerin von Sorbets).

René Étiemble: 1909-2002. Schriftsteller, Publizist, Spezialist für östliche Philosphie. ENS-Student (promotion 1929). Engagierte sich links (Mitglied der Association des écrivains et artistes révolutionnaires, 1934 Reise nach Moskau). Privatlehrer von Michel Gallimard. 1937 erstes Buch bei Gallimard (von Paulhan betreut): L’Enfant de chœur (berichtete über erste homosexuelle Erlebnisse). Brach jedoch 1938 mit Kommunismus (war gegen den sozialistischen Realismus). Lehrte u.a. in den USA (-43) und Ägypten (1943-48), 1955-78 an der Sorbonne. Literaturkritiker in TM und NRF. Warf 1953 Claude Roy vor, ein Stalino-Nazi zu sein: er ziehe den Nazo-Nazi Rebatet (Antisemit und Kollaborateur) vor: Sartre untersagte Mitarbeit von Étiemble in TM. Kritisierte Sartre in einem offenen Brief wegen des pro-sowjetischem Kurses. In den 30er Jahren Unterstützer Maos, dessen Kritiker ab den 60ern. Gegner des Franglais (1964).

Aleksandr Aleksandrovitch Fadeev: 1901-56. Sowjetischer Schriftsteller. Stalinist und Vertreter des sozst. Realismus. 1926-32 einer der Führer der Russ. Vereinigung der proletar. Schriftsteller (RAPP; nur rev.-proletar. Lit. erlaubt). 1939-56 ZK-Mitglied. 1938-44, 46-54 Generalsekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes: Stalins Sänger, Anhänger Zhdanovs, Kampf gegen den Kosmopolismus (v.a. gegen Juden; 1947-53). Freund von Sholokhov. Beging Selbstmord (zuletzt Alkoholiker). Kritisierte Sartre 1948 auf dem Weltkongress der Intellektuellen für den Frieden in Wrocław/Breslau als Schreibtischhyäne und Schakal mit Federhalter.

Étienne Fajon: 1906-91: komm. Politiker, Journalist. Mitglied ZK (1932-90), Politbüro (1945-79) und ZK-Sekr. (1954-56, 70-76). Stv. Chefred. (1948-58), dann Chefred. (1958-74) der Humanité. Um 1952 eher gemässigt (nahe bei Duclos).

Frantz Fanon: 1925-61. Psychiater, Revolutionär. Auf Martinique geboren. Studierte in Frankreich: Erfahrung mit Rassismus: bekannte sich aggressiv zu seiner eigenen Hautfarbe. Verfasste Peau noire, masques blancs, L’An V de la Révolution und Les Damnés de la terre, wofür Sartre das Vorwort schrieb. Wie viele antillische Intellektuelle vom Existentialismus, von Sartre beeinflusst: v.a. durch L’Être et le néant, Materialisme et Révolution, aber insbesondere Réflexions sur la questions juive (erwähnt in Peau noire, masques blancs). Besuchte u.a. Vorlesungen von Merleau. Engagierte sich seit 1956 in Algerien auf der Seite des FLN, zuerst in der Ausbildung der Kämpfer, dann als deren aussenpolitischer Sprecher mit Sitz in Tunis. Engagierte sich im angolesischen Widerstandskampf auf der Seite der FNLA von Robert Holden. Befürwortete Gewalt als Mittel der Revolution. Sah nicht im Proletariat, sondern in den verarmten Bauern das revolutionäre Potential. Verstarb an Leukämie. Sartre traf ihn im Sommer 61 zu ausgedehnten Gesprächen, Kontakt war durch Lanzmann hergestellt. Als Maspero später Les Damnés de la terre neu auflegen wollte, verlangte Fanons Frau Josie, dass das Buch ohne Sartres Vorwort erschien (wg. Sartres Unterstützung für Israel).

Yves Farge: 1899-1953. Journalist (Progrès de Lyon). Durch Altman zur Résistance, wo er bedeutende Funktionen innehatte (u.a. im Vercors). 1946 Minister f. Versorgung (als Parteiloser). Parteipolit. ungebunden, aber links. Beteiligte sich 1947 an der Gründung des Mouvement de la paix, dessen Präsident er bis zu seinem Tod war. Lud Sartre 1952 nach Wien ein.

William Faulkner: 1897-1962. Amerikanischer Romanschriftsteller. 1949 Lit.nobelpreis. Erstmals lasen Sartre und Beauvoir ihn 1934 (As I lay dying 1930, Sanctuary 1931). Seine Technik, seine geschickte Wiedergabe verschiedener subjektiver Standpunkte und seine Welt der Perversitäten, des Mordes und der Brandstiftung begeisterten Sartre. Sartre besprach 1938 Faulkners Werk Sartoris, 1939 The Sound and the Fury: half damit modernen amerikan. Autoren zum Durchbruch in Frankreich. Faulkners Stil beeinflusste Sartre, insbesondere in Le Sursis. Faulkner beeinflusste auch viele deutsche Romanciers der Nachkriegszeit: Grass, Johnson, v.a. Böll).

Claude Faux: Anwalt. 1957-63 Sekretär von Sartre. In den 50er Jahren Mitglied des PCF. War nie Mitglied der Familie. 1961 Heirat mit Gisèle Halimi, die er in Zukunft in ihren feministischen und politischen Aktionen unterstützte.

Jean-Pierre Faye: 1925-. Schriftsteller, Philosoph, Historiker. Mitbegründer von Tel Quel (1960) und Change (1967). Von Faulkner geprägt. 1964 Diskussion mit Sartre, Ricardou, S. de Beauvoir und Berger über Literatur (Que peut la littérature?). Mitbegründer des Collège international de philosophie (1983 ; mit Derrida)

Konstantin Aleksandrovitch Fedin: 1892-1977. Sowjet. Schriftsteller. Mitglied der Serapionsbrüder (für Revolution und Freiheit der Lit.). 1959-77 Vors. des sowjet. Schriftstellerverbands. Tat sich polit. nicht hervor. Sartre traf ihn schon 1954 in Knokke-le-Zoute, dann wieder 1962.

François Fejtő: 1909-2008. Ungar jüdischer Herkunft. seit 1938 in Frankreich, seit 1955 Franzose. 1944-79 Journalist der Agence France-Presse, Historiker mit Schwerpunkt Mitteleuropa. Verlegte Sartre und Mounier noch in Ungarn. Antistalinistischer Sozialist. Nahm an der Résistance teil. Jugendfreund von Rajk: nach der Ermordung Rajks 1949 Bruch mit Ungarn und den Kommunisten. Stand eher auf Seiten von Mounier, Camus, Aron und Rousset: arbeitete mit am Congrès des intellectuels pour la liberté. Befreundet mit Morin. Sartre wollte das 1952 veröffentlichte Buch L’Histoire des démocraties populaires nicht lesen, da es ihm zu antikommunistisch war. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Budapest 1956 verarbeitete Sartre mit Hilfe Fejtös die Ereignisse, schrieb ein Vorwort zu dessen Buch La Tragédie hongroise und vertraute ihm eine Sondernummer zu den Ereignissen in TM an. 1972-84 lehrte am Institut d’études politiques. Setzte sich 1981 für Solidarnosc ein.

Paul Feller: 1913-79. Jesuit. 1937 Novize in Florennes (B). 1940/41 als Unteroff. bei den Panzertruppen in Kriegsgefangenschaft mit Sartre. 1947 Priesterweihe. Anschliessend handwerkl Lehre (v.a. Schmied): Erfahrung durch Handwerk statt Wissen. Sammlung von Handwerkzeugen: Gründer des Maison de l’Outil (1974) in Troyes.

Ramón Fernández: 1894-1944. Franz. Schriftsteller (1932 Prix Femina) und Kritiker mexikan. Herkunft. 1919 franz. Bürger. Schrieb für N.R.F. und Marianne. Zuerst Marxist, ab 1937 bei PPF (Doriot). Während 2. WK ein bekannter Kollaborateur (publizierte in La Gerbe und Drieus N.R.F.; Leiter der Reisegruppe nach Weimar Jun. 41 mit Jouhandeau, Drieu, Brasillach, Bonnard; trotzdem positive Publikationen über Proust und zum Tod Bergsons)

Ernst Fischer: 1899-1972. österr. Schriftsteller, Journalist und KPÖ-Mitglied (-69 Mitgl der ZK, 1945-59 Nationalrat). 1934-45 in der UdSSR. Führender österr. komm. Intellektueller. Zuerst Stalinist. 1956 aus P.E.N. Club wg. Einmarsch in Ungarn ausgeschlossen. Liberalisierte sich dann. Nahm am 27./28.5.63 an der Kafka-Konferenz in Liblice teil (mit Goldstücker, Garaudy, Seghers) zur Verteidigung Kafkas gegen Dekadenz-Vorwürfe der off. KPs (Kafka als Kritiker der Bürokratie). 1968 gegen Einmarsch in CSSR, 1969 aus KPÖ ausgeschlossen. Im Nov. 63 Teilnehmer an Diskussion über Kafka und Dekadenz mit Sartre.

Simha Flapan: 1911 (in Polen)-87. Mitglied des Hashomer Hatzair (zionist.-sozst. Jugendverband mit Kibbutzim), des Mapam (linkssozialistische israel. Partei, die sich 1969 der Arbeiterpartei anschloss; deren Nationalsekretär). Gründer und Chefredaktor von New Outlook, einer Monatszeitschrift. Verfasste 1987 das Buch The Birth of Israel: Myths and Realities, in dem er sich gegen die Mythen bei der Gründung Israels wandte. Begegnete Sartre und Beauvoir schon Mitte der 60er Jahre in Paris. Organisierte ihre Reise nach Israel 1967.

Gustave Flaubert: 1821-80. Schriftsteller. Mit Madame Bovary (1857, sein erstes Werk) überwand er die Romantik und begründete er den Realismus. Die nüchterne Darstellung der Mme Bovary brachte ihm eine Anklage ein wegen Verletzung der öffentlichen Moral, weshalb das Buch zum Erfolg wurde. Seine Schreibweise, die dem Autor hinsichtlich seines eigenen Urteils grosse Zurückhaltung auferlegte, war wegweisend für das 20. Jh. Nahm auf Drängen seines Vaters 1840 entgegen seinen literarischen Neigungen das Jurastudium auf. Brach sein Studium wg. „Nervenkrankheit“ ab: führte von da an ein eigenbrötlerisches Leben in seinem Dorf, unterbrochen von zwei Reisen nach Nordafrika. Sartre schrieb die Biographie L’Idiot de la famille über ihn.

Michel Foucault: 1926-84 (offiziell an Krebs gestorben; AIDS-Tod erst durch Hervé Guibert bekannt gemacht). Philosoph (vor allem auf dem Gebiet der Macht). Homosexuell (outet sich jedoch nie). 1950-53 Mitglied des PCF (Eintritt wegen Affäre Henri Martin, Austritt wegen Stalins Politik und seiner Homosexualität). 1963-76 mehrere Bücher, in denen er die modernen Institutionen (Gefängnis, Krankenhaus, Sexualwissenschaften) kritisierte: der Wissensdurst wird über die Klassifikation des Individuellen zur Grundlage der Machtausübung. Entwickelte ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre seine Philosophie in praktischer Richtung weiter: setzte sich für eine antike Lebensmoral der Mässigung und für einen liberalen, anti-totalitären Staat ein. 1966 Kritik Sartres an Foucault, auf die Foucault nicht einging. In den 70er Jahren mehrfach politische Zusammenarbeit mit Sartre: 1971 gegen Rassismus (auch mit Genet), 1972 für bessere Haftbedingungen (GIP; mit R. Castro, den er 1970 kennenlernte; Defert), 1973 Gründung von Libération. Stand der Gauche Prolétarienne nahe (sein Freund Daniel Defert war Mitglied). 1972 Debatte über Volksjustiz mit Sartre und den Maoisten (Affäre Bruay-en-Artois). Ab 1972 gegen klassischen, Manifeste unterschreibenden wie revolutionären, sich mit den Arbeitern verbindenden Intellektuellen, für den spezifischen Intellektuellen, der nur noch spezielle Kenntnisse in einem Fachgebiet für sich beansprucht. 1978 Unterstützung der Revolution Khomeinis in Iran. 1981 für Solidarnosc in Polen. Unterstützte die homosexuelle Bewegung.

Paul Fraisse:1911-96. Psychologe. Vorübergehend bei der Zs. Esprit nach dem Ende des 2. WK. 1948 beim RDR dabei.

Anatole France: 1844-1924, eigentlich Jacques Anatole Thibault. Schriftsteller. 1896 Mitglied der Académie Française. 1921 Lit.Nobelpreis. Zuerst Boulangist, dann ab 1893 Sozialist, unterstützte Jaurès. Obwohl Kritiker von Zolas Naturalismus setzte er sich intensiv für Dreyfus ein: Mitbegründer der Ligue des droits de l’homme. 1914-16 kurzfristig Nationalist. Rief zur Unterstützung der russischen Revolutionen 1905 und 1917 auf. Interne Säuberungen in Russland führten zum Bruch mit den Kommunisten 1922/23, die er 1920 unterstützte.

Bernard Frank: 1929-2006. Schriftsteller, Journalist. Jude. Traf 1949 Sartre, der ihm die literar. Chronik der TM anvertraute. Prägte 1952 den Begriff der Hussards. Nach Publikation des Romans Les Rats (1953) stritt mit TM, da Sartre als Person vorkommt. Ab 1952 Arbeit u.a. in Observateur, Le Monde, ab 2. H. 60er auch im Nouvel Observateur. Sehr verbunden mit Françoise Sagan.

Nino Frank: Jacques-Henri Frank, 1904-88. Schriftsteller, Journaliste, arbeitet in Film und Radio. Schweizer Eltern, geb. in Italien, 1923 nach Paris geflohen. Arbeitete um 1944/45 mit Sartre für die Drehbücher für Pathé zusammen.

Carlos Franqui: 1921-2010. Kuban. Journalist, Dichter, Revolutionär. Bis 1946 Kommunist. Schloss sich in den 50er Jahren der Bewegung des 26. Juli von Fidel Castro an. Teilnehmer am Befreiungskampf in der Sierra Maestra. Leiter von Radio Rebelde. Leiter der Zeitschrift Revolución 1959-63. Lud Sartre zum Besuch auf Cuba ein. Schrieb Geschichte der kubanischen Revolution und Biographie über Fidel Castro. Kritiker der Bürokratisierung und starken Anlehnung ans sowjetische Modell. Deshalb im Exil: 1968-92 in Italien, dann in Puerto Rico.

Ronald Fraser: 1930-2012. Brit Historiker, Journalist; in D geb. Schwerpunkte: Spanien, Oral History. Traf in Spanien nach 1957 Gorz, zu dem er nach Paris zog; Gorz verschaffte ihm einen Posten bei der New Left Review. Interviews mit Sartre 1968 und 1969.

Gisèle Freund: 1908-2000. Deutsche. Jüdin. Fotografin. Emigrierte 1933 aus politischen Gründen nach Paris (-1940). Befreundete sich mit A. Monnier. Fotografierte viele Schriftsteller, u.a. auch Sartre (1939) und Beauvoir. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis 1952 in Argentinien. Mitglied von Magnum. 1981 offiz. Porträt von Mitterrand.

Georges Friedmann: 1902-77. Soziologe (v.a. über Arbeitssoziologie, Industriegesellschaft). 1921 ENS. Weggefährte der Kommunisten. Obwohl Jude Antizionist: Sartre las sein Buch Fin du peuple juif? als Vorbereitung für Israelreise 1967.

Julius Fučík: 1903-43. Tschech. komm. Journalist, Schriftsteller und Widerstandskämpfer gegen die Nazis: durch Nazis gefoltert und erschossen. Unter den Stalinisten und auch später Symbol für Widerstand gegen die Nazis. Ab 1941 ZK-Mitglied. Sartre sprach 1954 über ihn vor Renault-Arbeitern.